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Deutscher Bürgerpreis

Nominiert in der Kategorie U21

Lebenswege Jena

Flucht generationsübergreifend begreiflich machen

Was haben Senioren der jüdischen Gemeinde und syrische Flüchtlingskinder in Jena gemeinsam? Ihre Fluchterfahrungen. Im Januar 2015 starteten zehn Kinder und Jugendliche aus Jena ein Medienprojekt zum Thema „Flucht, Vertreibung und Neuanfang“. Sie wollten die Parallelen dieser Fluchterlebnisse sichtbar machen. Dafür luden sie Betroffene beider Gruppen ein und dokumentierten ihre Geschichten mit der Kamera. Entstanden ist ein berührender Film, den die jugendlichen Macher ins Netz stellten und sogar in einem Kino zeigten.

Hauptinitiator dieses Projekts ist der 15-jährige Philippe Martins Cavaco. Viele seiner zwölf- bis 18-jährigen Mitstreiter wissen aus eigenen Erfahrungen, was es heißt etwa anders zu sein, einen sogenannten „Migrationshintergrund“ zu haben und dies auch von der Gesellschaft gespiegelt zu bekommen – bis hin zu rassistischen Bemerkungen. Einige der Projektmitglieder kommen aus jüdischen Familien, die selbst das Leid von Krieg, Vertreibung und Verfolgung erfahren haben. Für diese jungen Leute war es deshalb ein Thema, als im letzten Jahr geflüchtete Menschen auch Jena erreichten, unter ihnen viele Kinder und Jugendliche. Die Engagierten von „Lebenswege Jena“ sprachen mit ihnen und erfuhren so die Fluchtgeschichten der Neuankömmlinge. Was die jungen Jenaer überraschte, war, dass es viele Parallelen zu den Erlebnissen ihrer jüdischen Verwandten und Bekannten gab. Deshalb organisierten sie Erzählcafés. In denen begegneten die geflüchteten Kinder und Jugendlichen den Senioren aus Jena und tauschten ihre Erfahrungen mit ihnen aus.

Als auch in Jena die kritischen Stimmen gegenüber Flüchtlingen lauter wurden, setzten die jungen Engagierten ein weiteres Zeichen: Mit ihrem Film über die Fluchtgeschichten von Alt und Jung warben sie für mehr Toleranz. Dabei verwirklichten sie den Film in Eigenregie ohne die Hilfe von Erwachsenen. Sie schrieben einen Projektplan, warben Fördermittel ein, organisierten die Treffen der Beteiligten und meisterten schließlich auch die Dreharbeiten. Die nötige Ausstattung und die Fahrkarten für die Flüchtlingskinder finanzierte die Organisation „Children for a better world“.

Obwohl ihr Film im Netz Zielscheibe zahlreicher Anfeindungen wurde, arbeiteten die Jugendlichen unbeirrt an ihrem generations- und religionsübergreifenden Projekt weiter. Sie veranstalten weiterhin ihre Erzählcafés. Nebenbei sammeln sie Spenden, um den Flüchtlingskindern alle zwei Monate einen Ausflug oder ein gemeinsames Fest bieten zu können. Ein wichtiger Beitrag dazu, dass aus jungen Geflüchteten eine Tages aktive Jenaer Bürgerinnen und Bürger werden.